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Seuchen und ihre Geschichte

Unser Gründungsmitglied Dr. med. Bernhard Maximilian Lersch ( geb. am 12. Oktober 1817 und verstorben am 23. Februar 1902 in Aachen) hat 1896 eine umfassende Chronologie der „Pest“ in Europa veröffentlicht:

>>Geschichte der Volksseuchen – nach und mit den Berichten der Zeitgenossen. Mit Berücksichtigung der Thierseuchen<<

Er hat dabei vor allem alle die Epi- und Pandemien erfasst, die die Zeitgenossen selbst als „Pest“ oder „Pestilenz“ bezeichnet haben. Der Aachener Medizinhistoriker Dr. med. Egon Schmitz-Cliever (geb. am 17. Juni 1913 und verstorben am 28. September 1975 in Aachen; Lehrbeauftragter der RWTH für Medizingeschichte und Mitglied unseres Vereins) ist der Frage nachgegangen, was in früherer Zeit als Pest verstanden bzw. bezeichnet wurde.

Die medizinische Forschung (Yersin und Kitasato) hat Ende des 19. Jh. den Pestbazillus entdeckt und festgestellt, dass die Pest durch den Biss des Rattenflohes auf den Menschen übertragen wird (Schmitz-Cliever, ZAGV Bd. 66/67, Jg. 1954/55, S. 109). Die nächstgelegenen Lymphdrüsen reagieren hierauf damit , dass sie eine Sperre bilden, um den Einbruch in die Blutbahn zu verhindern. Die Drüsen schwellen an und werden bei eitrigen Einschmelzungen schmerzhaft. Diese Bubonen genannte Einschmelzungen platzen auf oder sollten chirurgisch geöffnet werden. Dringen die Erreger in die Blutbahn ein, erzeugen sie eine Bakteriämie, die in kürzester Zeit zum Tode führt. Die Bakteriengifte schädigen die lebenswichtigen Organe für Atmung und Kreislauf aufs schwerste. Begleitet ist das von hohem Fieber und rauschartiger Benommenheit. Werden die Lungen erfasst, husten die Sterbenden große Mengen dunkelroten bis schwarzen Blutes aus, was mit dem sprichwörtlichen pestilenzischen Gestank verbunden ist. Bleibt es bei der Drüsenpest, bestehen Chancen einer Heilung, während die sogenannte schwarze oder Lungenpest ausnahmslos tödlich verläuft.

Diese schwere Krankheit erreichte in der Geschichte mehrfach Europa. Bei den wichtigen Häfen wie z.B. Venedig wurde es daher üblich, über See ankommende Reisende und Schiffsbesatzungen erst einmal auf einer vorgelagerten Insel 40 Tage lang abwarten zu lassen, ob Krankheitssymptome auftauchten (Quarantäne). Schutzvorkehrungen gegen die Pest wurden aber auch unterlaufen z.B. bei der letzten um 1720 von Toulon ausgehenden Pandemie. Damit die Auslieferung und Vermarktung der wertvollen Schiffsladung nicht verboten wurde, wurde der Empfänger heimlich verständigt und die Ware versteckt angelandet. In kurzer Zeit verbreitete sich die Pest in Toulon. Deren Ausbreitung bis Paris verhinderte man nur durch einen streng militärisch kontrollierten Cordon Sanitaire in einem weiten Umkreis um das von der Krankheit verseuchte Gebiet.

Schmitz-Cliever konnte anhand der Auswertung der Begleitumstände der von Zeitgenossen als Pest bezeichneten Pandemien klären, dass es zumeist nicht die Pest im eigentlichen Sinne war, sondern Seuchen wie Typhus, Influenza, Ruhr, Fleckfieber, Malaria, Englischer Schweiß, Syphilis oder Diphterie, die alle ebenfalls lethal enden können.

Die vom Kölner Kurfürsten 1520 gerügte Pest in Aachen, derentwegen er die Verlegung der Krönungszeremonie nach Köln verlangte, konnte nach Schmitz-Clievers Feststellungen nicht die hochinfektiöse echte Pest gewesen sein. Sie hätte sonst viele oder zumindest mehrere der zahlreichen hochgestellten Teilnehmer oder den hier gekrönten Karl V. und die noch zahlreicheren Zaungäste und Zuschauer anstecken müssen. Irgendeine Seuche muss aber durchaus vorgelegen haben, da die Festgesellschaft auffällig bald nach der vollzogenen Krönung weiter nach Köln zog.

Übrigens gab es im Krönungsjahr Karls IV. (1349) vermutlich die echte Pest, die jedoch erst Wochen oder Monate nach den Feierlichkeiten Aachen erreicht haben kann.