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November 1944, langsam beginnt eine neue Ordnung im von den Alliierten besetzten Deutschland

Gerade den Aachenern ist bewußt, dass mit dem Datum, mit dem Hitlerdeutschland vor Ort bedingungslos kapitulierte, noch längst kein Frieden in Deutschland bestand. Die Naziführung hoffte insgeheim immer noch auf eine Wende durch „Wunderwaffen“ wie die V 1 und V 2. Sie kratzte die Reserven zusammen, um in der sog. Rundstedt-Offensive hinter der alliierten Front evtl. sogar bis Antwerpen vorzustoßen. Das Ziel war zwar überhaupt nicht realistisch, verlängerte aber den Krieg um viele Monate, zumal sich die US-Streitkräfte beim Rückzug der Wehrmacht im Hürtgenwald auf einen langen, verlustreichen Kampf eingelassen hatten.

In den von der Naziherrschaft befreiten deutschen Städten und Gemeinden begann eine Reorganisation des öffentlichen Lebens, wobei sie immer mit fanatischen Versuchen von Deutschland aus, die Alliierten wieder aus dem Reich hinaus zu werfen, rechnen mußten.

Dieser Gefährdungslage entsprach die Androhung der Todesstrafe bei 20 verschiedenen Tatbeständen, wie sie in der ersten Nummer des deutschsprachigen Mitteilungsblattes der 12. Amerikanischen Armeegruppe für die Deutsche Zivilbevölkerung „Die Neue Zeitung“ vom 27. November 1944 öffentlich bekannt gemacht wurden:

1.Spionage
2. Verbindung mit dem Feind
3. Übermittlung gefährlicher Nachrichten
4. Bewaffneter Widerstand
5. Verstoß gegen Kapitulationsbedingungen
6. Handlungen zugunsten der NSDAP
7. Angriff auf alliierte Soldaten
8. fälschliches Auftreten als alliierter Soldat
9. Besitz von Feuerwaffen, Munition oder Sprengstoff
10. Gebrauch von Feuerwaffen, Munition oder Sprengstoff
11.Fluchthilfe
12.Gefangenenbefreiung
13. Sabotage von Nachrichten – und anderen öffentlichen Versorgungseinrichtungen
14. Sabotage an militärischem Material
15. Vernichtung von Akten und belastendem Material
16. Plünderung
17. Irreführung der alliierten Streitkräfte
18. Aufhetzung
19. Schwarzhandel
20. Verstoß gegen das Kriegsrecht

Die Androhung der schwersten möglichen Strafe bei so weit gefaßten Tatbeständen erscheint in tiefsten Friedenszeiten als rechtsstaatlich problematisch. In der damaligen alltäglichen Praxis ergab sich aber, dass die Suppe nicht so heiß ausgelöffelt werden mußte, wie sie gekocht war. So war der Jury bestehend aus 5 Offizieren, die im Zivilberuf Rechtsanwälte waren, in einer 5 Stunden dauernden Verhandlung klar, dass sie die Todesstrafe aussprechen konnten. Sie sprachen die Beschuldigten jedoch frei. Der Landwirt Robert Hogen aus Horbach (jetzt Ortsteil von Aachen) und sein Vetter Karl Packbier hatten 3 deutsche Soldaten versteckt (Die Neue Zeitung vom 27.11.1944).

Der selbe Fall wurde am folgenden Tage auch in der „Frontpost“ berichtet, wobei darauf hingewiesen wurde, dass der Pfarrer Klein als Zeuge zu deren Gunsten ausgesagt hatte.

Die aus Schaffhausen (Schweiz ??) stammende Anna Schlesinger verheimlichte, dass sich ihr Sohn, ein Wehrmachtsoffizier, bei ihr versteckt hatte. Er hatte eigenmächtig seinen Urlaub verlängert, wollte sich also wohl von der Truppe absetzen. Sie wurde zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, wobei der Vollzug der Strafe auf Bewährung ausgesetzt wurde („Die Mitteilungen“ vom 25 Dezember 1944; Zeitung der 12. Amerikanischen Armeegruppe für die deutsche Zivilbevölkerung).

Die Zeche Karl-Alexander von Baesweiler war ebenfalls Gegenstand von Berichten in beiden Zeitungen. Viele Kumpels hatten sich dem Evakuierungsbefehl der Partei widersetzt und durch Wartung der Pumpen dafür gesorgt, dass die Grube weiter betriebsbereit blieb.

So konnte das Bergwerk gerettet und frühzeitig für die Versorgung der Bevölkerung nutzbar gemacht werden.

Bei den vielen kleinen Notizen fällt auf, dass die Alliierten bis zum November erst einige wenige Ortschaften im Aachener Grenzland im Griff hatten. Aus amerikanischer Perspektive hätten die meisten der folgende Ortschaften sonst kaum Erwähnung gefunden:

Aachen (Bischof van de Velde wird aus Gemmenich nach Aachen geholt, Einrichtug einer Polizeischule)
Aachen (Strafen des US-Militärgerichts wegen Verstoß gegen Verdunkelungsgebot, Nichtabgabe von Fotoapparaten, Verstoß gegen Reisebeschränkungen)
Würselen (Minen werden geräumt, Einholung der Ernte wird organisiert)
Stolberg (Ordnung für Sparkonten)
Eschweiler (Lebensmittelvorräte in beschädigten Läden und Lagern werden geborgen)
Herzogenrath (Freiwillige Feuerwehr hat bei einem Scheunenbrand ihren ersten Einsatz)
Bardenberg (durch Änderung der Reisebeschränkungen können 261 der Arbeitsfähigen Männer eine Arbeit aufnehmen)
Schaufenberg (Ortsvorsteher ernannt)
Baesweiler (Die Lebensmittelverteilung wird in die Hände eines erfahrenen Kaufmanns gelegt)
Übach (Kartoffelnernte wird eingebracht; Bürgermeister arbeitet einen Finanzplan aus)
Merkstein (Feldarbeiten auf den Höfen evakuierter Bauern werden organisiert)
Monschau (Einsetzung eines Bürgermeisters, Aufbau einer Finanzverwaltung)
Kornelimünster (Einrichtung eines Krankenhauses mit 60-80 Betten)
Vicht (Polizeiwache mit 5 Mann und Feierwehr mit 8 Mann engerichtet)

Im Dezember werden in Aachen, Würselen und Alsdorf besondere Weihnachts-Rationen festgelegt