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Nach 6 Jahren Stadtarchäologie wandelt sich das Bild von der Pfalz Aachen.

Gemessen am Zuwachs neuer historischer Erkenntnisse darf das zurückliegende Jahr vielleicht als das bisher erfolgreichste der Stadtarchäologie angesehen werden. Danach müssen wir die Vorstellung einer einheitlichen Bauphase in der Regierungszeit Karls des Großen revidieren – evtl. sogar die Vorstellung eines einheitlichen Bauplanes. Diese Vorstellungen sind vielleicht doch zu sehr von dem sicherlich intendierten Bild des CAROLUS FUNDATOR (Karl als Gründer) bestimmt. Die Annahme, daß Karl Aachen auf vergessenen römischen Ruinen errichtet habe, taucht nicht zufällig erstmals im sog. gefälschten Karlsprivileg auf. Die angebliche Gründungsurkunde Aachens durch Karl den Großen wurde in das große Privileg Friedrich Barbarossas vom 9. Januar 1166 für die Stadt Aachen inseriert (eingefügt), das wiederum durch Einfügung in das Stadtprivileg Friedrich II. von 1244 erhalten ist.

zu unserem Beitrag über die Begründung der mittelalterlichen Königstradition in Aachen

Sebastian Ristow hat uns einen zusammenfassenden Text

„Aktuelle Bauphasen- und Befunderfassung zur Pfalz Aachen“

zur Verfügung gestellt.

Vor allem durch die Grabungen von 1910 bis 1914 durch Erich Schmidt wurden weite Teile der zentralen Bauten der Aachener Pfalz auf Flächen von rund 20.000 m² erfasst. Bisher hatte man die Befunde meist ungeprüft als einheitliche Baumaßnahme auf Veranlassung Karls des Großen angesehen. Seit 2011 verfolgen die Stadt und RWTH Aachen ein umfangreiches archäologisches Forschungsprojekt, dessen erste Ergebnisse hier kurz vorgestellt sind.

Der unter Nutzung moderner Vermessungen und unter Beteiligung der Bauforscher J. Ley und M. Wietheger erstellte Gesamtplan, neue Grabungen und ein erstmals erarbeiteter Befundkatalog zeigen, dass Dom und Pfalz älterer Bebauung mit Traditionen in der Spätantike folgen.

Von einer Befestigung im Bereich des Rathauses zeugen Reste der Mauern und ein Graben, der südlich des Rathauses auf mindestens 45 m Länge nachgewiesen ist. Aus seiner Verfüllung stammen Funde, deren Chronologie bis in das mittlere Drittel des 5. Jhs. reicht. Danach wurde der Graben verfüllt. Über die Dauer der Existenz von Architekturresten der zum Graben gehörigen spätantiken Befestigung ist derzeit noch keine Aussage möglich. Die Befunde sind zu rudimentär um sie zu rekonstruieren.

Es zeichnet sich deutlich ab, dass die Siedlungskontinuität in Aachen bis in die ersten Anfänge der fränkischen Zeit vorausgesetzt werden kann. Aus dem 6. bis frühen 9. Jh. stammen dann Grabfunde und -inschriften aus dem Domareal. Spätestens im 8. Jh. liegen dann, vor allem im Dombereich, auch größere Architekturkomplexe vor, zu denen mindestens eine Kirche gehört haben muss.

Nach den Neubauten Karls des Großen der Zeit um 800 kam es im Verlauf des 9. Jhs. und dann im 11./12. Jh. zu gravierenden Veränderungen, die durch die aktuelle Aufarbeitung erstmals greifbar werden.

Der Plan (unter diesem Beitrag als Download für Sie verfügbar) zeigt erste Ergebnisse: Auf wenige Bauspuren spätantik-frühmittelalterlicher Zeit (rot) folgt eine wohl frühkarolingerzeitliche Bauphase (orange). Sie besteht aus einem Gebäude mit Altar und wohl einem Reliquienloculus, vielleicht einem Zentralbau unter der späteren Marienkirche (heute: Dom), der Nordbasilika, Teilen des Südwestbaus und weiteren Befunden, nur fragmentarisch im Nordosten der Kernpfalz erfasst. Dort, wie in Aula- und Dombereich, wurde teils auf spätantike Strukturen (rot) aufgebaut, teils nutzte man sie als Abbruchmaterial für neue Fundamente. Zur Zeit Karls des Großen begann man mit der Errichtung der Bautengruppe (gelb) von Marienkirche, Südannex und Atrium, Verbindungsgang sowie Aula mit südlichem Längsannex und Granusturm. Die Fertigstellung der Bauteile dauerte wohl teils über den Tod Karls des Großen hinaus, das zeigen neue Untersuchungen der dendrochronologischen Daten zum Granusturm. Das auffällige Fehlen von karolingerzeitlichem Baudekor außerhalb der Marienkirche könnte auf fehlende Fundüberlieferung oder -identifikation, aber auch darauf zurückzuführen sein, dass nicht alle Bauteile anfangs des 9. Jhs. bereits fertig gestellt gewesen sind.

Bei der Errichtung des Verbindungsganges wurde der Südwestbau reduziert und zu einem dem Gang vorgeblendeten turmartigen Bau umgestaltet.

In der Mitte des Geländes ist die Buntmetallschmelze gefunden worden, in der man die Türen und vielleicht auch die Gitter der neuen Kirche gegossen hatte. Im Verlauf des 9. Jhs. (hellgrün) wurde das Atrium verändert und ein Rechteckbau zentral im Verbindungsgang eingefügt. Im 11./12. Jh. kam es zu weiteren Modifizierungen, auch der Funktion der Gebäude (blau).

Lit.: S. Ristow, Die Pfalz in Aachen. Nicht nur Karls Werk. In: Archäologie in Deutschland, Heft 6, 2012, 6 f.
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Hier zum Download des Pfalz-Phasenplans als PDF

Bildnachweis für die PDF-Datei:

S. Ristow/A. Kobe (unter Verwendung von älteren Plangrundlagen und neuen Aufmaßen von: Gesellschaft für Bildverarbeitungen, Müllheim, Dombauleitung Aachen, J. Ley, T. Kohlberger-Schaub, D. Lohmann, J. Richarz, SKArchaeoconsult, Stadtarchäologie Aachen, M. Wietheger) – Grafik: ©A. Kobe/S. Ristow, 2012.