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Ein Bericht über einen Besuch im kriegszerstörten Aachen

Aachen August 1945

Ich war in Vaals und hatte ein paar Stunden Zeit übrig. Ich ging zur Grenze und fand in dem kleinen Bureau, überschrieben ‚Security’, einen Sergeant, der mir die Erlaubnis gab, nach Aachen zu gehen.

Um 1.25 hrs bekam ich einen Lift von einem englischen Colonel, um halb zwei stieg ich am Marktplatz aus.

Schon auf dem Wege hatte ich gesehen, wie furchtbar die Stadt zerstört ist. Als ich vom Marktplatz los wanderte, hatte ich das Gefühl eines Albdruckes. Es ist eine tote Stadt – so dachte ich. Die Façade des Rathauses steht noch, das rostige Eisengerippe des einen Turmes hängt über dem Dach, der Granusturm ist verschwunden,

auch der Postwagen, wo ich als Einjähriger gegen meinen Willen etliche Biere in meinen Bauch zischen musste. In der Krämerstrasse begegnete ich dem ersten Menschen, Stimmen hallen wieder, man hört seine eigenen Schritte am hellen Tag widerhallen, auf dem Katschhof wächst hohes Gras. Der Dom steht noch.

Ecke Ursulinerstrasse gegenüber der selig verschiedenen Maus steht noch das Geschäft, wo wir Steinhäger und Kognak kauften. Ein Schild ‚zur Deutschen Bank’. Ich hin, gehe in die Bank, die unverändert steht, an den Schalter: „Ich möchte mich gern nach dem Konto meiner Mutter erkundigen“. „Wie ist der werte Name?“ „Francken“. „Ach, die Frau Justizrat Francken, und Sie sind der Herr Francken, ich habe Sie so klein in der Erinnerung“. Es folgt ein inniger Händedruck und die freundliche Auskunft, dass das Konto 1942 vom Reich übernommen ist. Das hatte ich nicht anders erwartet. Immerhin, ich war aus meinem Angsttraum erwacht und dem Leben wiedergegeben.

Vorbei am Elisenbrunnen (in Ruinen)

am Theater (ausgebrannt)

rauf die Hochstrasse (Anm.: die heutige Theaterstraße)

mit einigen bewohnten Häusern und in die Schildstrasse.

Nur die Hauptstrassen sind gesäubert, in den Nebenstrassen liegen die Trümmer noch auf den Fahrwegen, und man muss wie eine Ziege über kleine ausgetretene Bergpfade klettern.

Zur Normaluhr, die ist nur noch ein Stahlgerippe. Wilhelmstrasse 107, unser altes Haus- Die Blausandsteinfaçade sieht noch ordentlich aus. Aber innen, nur noch vier Wände, das ganze übrige Haus in den Keller gekracht. Ich klettere durch ein Küchenfenster in den Garten, ein Birnbaum ist noch da. Die Häuser sind zerstört, wo die früheren Bewohner sind, weiß ich nicht. Es war sehr deprimierend. Dann fand ich unter dem Birnbaum eine herrlich reife Birne – unverändert im Geschmack – und an der Mauer, wo sie immer wild wuchsen, Himbeeren.

Am Bahnhof vorbei, die Halle steht noch,

an der Bahn entlang auf dem Weg [zur Maria-Theresia-Alle].

Über die Eisenbahn kann man nicht gehen. Wo die Brücke war, ist ein Loch. Überall sind reichlich unfreundlich aussehende ehemalige Hitlerjungen damit beschäftigt, aus dem Dreck die brauchbaren Ziegel herauszusuchen und aufzustapeln.

Wim geht mit mir zum Friedhof (Anm.: der jüdische Friedhof Lütticherstraße). Die Inschrift „Hier ist Ruhe, gönnet sie dem Müden“ ist ausgewischt. Die Bomben haben sich daran gehalten, nicht ganz die Hitlerjugend, die die goldenen Beschriftungen von den Grabsteinen gekratzt hat. Es gibt einen neuen Friedhofsgärtner, den Wim von der Zeit seiner Verbannung zu den städtischen Friedhöfen kennt. Das Grab meines Vaters verwildert, aber sonst nichts geschehen.

Dann nimmt Wimchen mich mit zur Regierung, d.h. Allied Military Government, im alten Regierungsgebäude am Theater.

Als ich daraufhin so erzählte, was die Deutschen so in den besetzten Gebieten gemacht hatten, wurde Meck zwar klein und meinte, Wim sage immer, sie dürfe sich nicht beschweren – aber trotzdem – die guten Möbel und die bösen Amerikaner sind ihr größter Kummer. Es ist verdammt schwer, diesen Leuten klar zu machen, dass sie, die an den Nazi-Verbrechen wirklich unschuldig sind, in diesem Fall gegenüber anderen einfach zurückstehen müssen. Aber das ist unsere Auffassung und müsste auch ihre sein.

Anmerkung:

Dr. Hans Francken hatte als britischer Soldat des Intelligence Service die Gelegenheit zu einem kurzen Besuch in Aachen, der Stadt aus der seine Familie stammte. In Aachen bekannt war vor allem sein Vater Justizrat Dr. Oskar Francken. Die Familie konnte Aachen noch am 30. Januar 1939 verlassen.

Der Bericht ist für die Aachener Verhältnisse im Sommer 1945 von außerordentlichem Interesse. Er ist teilweise in einem sehr dichten Telegrammstil verfasst, notiert einfühlsam die Zerstörungen, nennt den Stand der Aufräumarbeiten, und beschreibt vor allem das Wiedersehen mit jüdischen Freunden und Bekannten, die zum Teil als Ehepartner von „Ariern“ in Aachen hatten bleiben können. Es ist erstaunlich, wie viel Hans Francken innerhalb von kaum sechs Stunden in Aachen gesehen hat, und noch bemerkenswerter, wie viele Gespräche er führen konnte und wie deutlich er Personen, mit denen er gesprochen hat, samt ihren Meinungen und Stimmungen kennzeichnet.

Der Bericht ist zum vollständigen Abdruck im nächsten Band der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins vorgesehen.