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"Die Sprache lügt nicht" oder die Gleichschaltung bis zum Grabe

„Sprache lügt nicht.“ ist der Titel eines Dokumentarfilmes über den jüdischen Sprachforscher Viktor Klemperer, der dank der Treue und Unterstützung seiner „arischen“ Frau nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus überlebte, sondern auch seine Manuskripte vor dem Zugriff bei den in den „Judenhäusern Dresdens“ ständig stattfindenden, meist überraschenden Kontrollen retten konnte. In dem Buch „Lingua Tertii Imperii“(Sprache des Dritten Reiches) dokumentiert er die eigentümliche Sprache des NS-Systems.
Durch die ständige stereotypische Wiederholung nationalsozialistisch besetzter Begriffe prägten sich diese sich in den Köpfen der Menschen ein. Dazu Hitler in seinem unsäglichen Hauptwerk (S. 194 ff):“Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. .. hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig solange zu verwenden, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag..“ Derartige formelhaften Schlagworte verwandte man in der Alltagssprache, in den Medien, in der alltäglichen Berufstätigkeit und sogar in „normalen“ amtlichen Schreiben. Mit und mit verschob sich der Sinn der Begriffe und hin und wieder wurde die Bedeutung der Worte geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Das war zwar besser möglich in dem Kontext einer Propagandarede. Aber auch in behördlichen Schreiben verstieg man sich dahin, die wahren Absichten hinter Wortgeklingel zu verbergen.
Je mehr es auf den Krieg zu ging, um so mehr trug man dafür Sorge, auf die für die Kriegsführung notwendigen volkswirtschaftlichen Ressourcen Zugriff nehmen zu können. Für Kanonen, Granaten und Panzer brauchte man Eisen, Eisen, Eisen…. Dabei brachten bei systematischer Handhabung der Maßnahmen auch kleinere Mengen in der Summe einen lohnenden Ertrag.
Um möglichst viel Eisen dem „Schrotthandel zuzuführen“ entblödete man sich nicht, mit vorgedruckten Schreiben die Besitzer einzelner Familiengrabstätten anzuschreiben, auf denen sich eiserner Grabschmuck befand. „Die grundlegende Anpassung an die kulturellen Gestaltungsauffassungen des nationalsozialistischen Staates [sei] erstes Gebot.“ hieß es in einem Schreiben des Aachener Friedhofsamtes vom 28. Februar 1939 an den Besitzer der Grabstätte Coomans-Peters auf dem Ostfriedhof.
Schreiben des Friedhofsamtes und Antwort

„Die künstlerische Haltung von Friedhof und Grabmal und die darin zum Ausdruck kommende Ehrfurcht vor vergangenen Geschlechtern sind Masstab für die Beurteilung der Kulturhöhe eines Volkes. In Würdigung dieser Tatsachen gilt es, krasse Gegensätze zu den heute geltenden Richtlinien für die Zulassung von Denkmälern auf den Friedhöfen .. zu beseitigen oder abzuschwächen, um dem Friedhof in seiner Gesamtheit ein bedeutend schöner, ruhiger und würdiger wirkendes Aussehen zu geben. Als erste Massnahme in diesem Sinne soll nunmehr die restlose Entfernung der Eisengitter sowie der Eisenstangen in Angriff genommen werden…“. Man möge sich einverstanden erklären, es entstünden keinerlei Kosten. Das Friedhofsamt werde die danach notwendig werdenden Instandsetzungen und Verbesserungen selbst durchführen.
Die wahre Absicht verbarg sich hinter dem Appell: “..unterstützen Sie auch hierdurch den Vierjahresplan der Reichsregierung, ... denn das anfallende Eisen wird restlos dem Schrotthandel zugeführt werden.“ Sofern binnen zwei Wochen kein Widerspruch einginge, ginge man vom Einverständnis des Betroffenen aus.
Wer wollte angesichts der berufenen hehren Ziele da noch Widerspruch wagen? Albert Heusch, der in jüngeren Jahren vier Beiträge für die Zeitschrift unseres Vereins beigesteuert hat, wagte es.
Er nahm dabei geschickt das Friedhofsamt beim Wort. Er sei nur zur Hälfte an der Grabstätte berechtigt. Seine an der anderen Hälfte berechtigte Verwandte lebe im Ausland. Ob es denn die „vaterländischen “ Interessen zuließen, den Bescheid vom 28.2.1939 ins Ausland bekannt zugeben ?
Das schien dann doch nicht so. Das Friedhofsamt schwieg auf diesen Widerspruch. Das Eisengitter ziert noch heute die Grabstätte Flur 13 Nr.44/47 auf dem Aachener Ostfriedhof.

Liest man von der „Ehrfurcht vor vergangenen Geschlechtern“, fragt man sich nach der Achtung der Nazis vor dem menschlichen Verfügungen nicht unterliegenden Lebensrecht aller Menschen. Leider ist zu Vielen zu spät klar geworden, daß die von den Nazis beschworene „Kulturhöhe des Deutschen Volkes“ der historische Tiefpunkt deutscher Geschichte war.