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Die Schlacht um Aachen

Gunter Hofmann bemerkte schon vor fast zwei Jahrzehnten in einer Artikelserie der ZEIT (31. März 1995) über Schlüsselbegriffe der jüngeren deutschen Geschichte:

„Unverkrampft, so lautet das Wort Roman Herzogs, das er sich zum Motto seiner Präsidentschaft auswählte. Und wirklich, ganz locker entschuldigte er sich in Polen für die deutschen Verbrechen. Ganz locker verlangte er, mit der vierzigjährigen Trittbrettfahrerei dieses Landes müsse es nun zu Ende sein. Unverkrampft in jeder Hinsicht!
Was er annoncierte, war bei Willy Brandt wortlos. ...“

Die Überschrift des Essays lautet: „Endlich bei den Siegern sein.“

So entfernt man sich in den nächsten Jahrzehnten immer mehr von dem Bewußtsein, daß „der Führer“ das ganze deutsche Volk in seine Gefolgschaft gebannt und in den Krieg geführt hat. Für den überfallenen Gegner spielte es keine Rolle, ob die Menschen in der deutschen Kriegsmaschine begeistert, freiwillig, opportunistisch, aus Angst oder sogar gezwungen mitwirkten. Die Kriegsfurie war tödlich und überzog nicht nur weite Teile Europas, sondern auch Nordafrikas mit einem Krieg von bislang nie gekannter Effektivität, Grausamkeit und Härte. Die Kräfte des Widerstandes waren leider zu schwach und blieben glücklos. So blieb den Alliierten denn nichts anderes übrig um den Krieg zu beenden, als die kriegsführenden Deutschen mit überlegenen militärischen Mitteln zu besiegen. Längst ist allen klar, daß Deutschland – und auch Österreich – damals einem der, wenn nicht dem übelsten Kriegsverbrecher aller Zeiten gefolgt war. Von der insoweit negativen deutschen Aura möchte man sich gerne lösen.

Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) wird das Ergebnis des überaus harten Kampfes wie folgt zusammen gefaßt:

„Dieser mehrwöchige Kampf um die alte Kaiserstadt gab nicht nur dem durch die vorausgehende Erfolge berauschten Gegner eine Vorstellung von der Härte des Krieges, die ihn auf deutschem Boden erwartete, sondern schaffte auch einen Zeitgewinn für den Ausbau der Befestigungen und die Auffrischung der Verbände.“
(KTB OKW 4. Band, I., S. 405)

Mahnmale des Krieges

Da ist es opportun, Mahnmale dieses schändlichen Krieges – wie den Führungsbunker in der Rütscherstraße Aachens – einfach wegzuräumen. Er ist aber Zeugnis der auch überörtlich bedeutsamen Geschichte – so wie die ehrwürdige Marienkirche Karls des Großen und der Krönungsfestsaal im Rathaus. Bei seiner Denkmaleigenschaft kommt es weniger darauf an, ob die ursprüngliche Architektur ungestört erhalten ist, als daß noch ablesbar ist: Hier hat sich die erste deutsche Großstadt nach schweren, erbitterten Kämpfen dem alliierten Feind ergeben müssen.

Was geschah im Oktober 1944 in Aachen?

Am 10. September 1944 schon erreichten die Spitzen amerikanischer Verbände die Höhen des Aachener Stadtwaldes. Obwohl zu dieser Zeit praktisch keine organisierte Gegenwehr möglich gewesen wäre, stießen die Panzer nicht einfach durch Aachen hindurch. An den beiden Folgetagen versuchte der Kommandeur der von der Normandie bis nach Aachen zurück gewichenen 116. Pz-Division, General Gerhard Graf von Schwerin, vergeblich zu signalsieren, daß man sich der Einnahme Aachens nicht widersetzen würde. Er wurde einem Kriegsgericht überstellt, das ihn wundersamer Weise glimpflich behandelte.

Seine Division wurde abgezogen. Ersetzt wurde sie durch die 246. Volksgrenadier-Divison verstärkt um die Kampfgruppe Rink der Waffen-SS.

Die Ausgangslage Anfang Oktober ist aus einem Lageplan zum Bericht Oberst Wilcks in der ZAGV Bd. 73 (1961), S. 105 ersichtlich.

Die nachstehende Lagekarte aus US-Quellen stellt noch deutlicher dar, daß die deutsche Oberste Heeresleitung den Fall Aachens auch durch einen Entlastungsangriff zu verhindern suchte. Die schlagkräftigste Einheit dieses Verbandes war die 1. SS-Panzer-Division LAH. Das Kürzel steht für „Leibstandarte Adolf Hitler“, die nach ihrer Eingliederung in die sog. Waffen-SS zu einer ausgesprochenen Eliteeinheit aufgebaut worden war. Einer der höheren Offiziere dieser Division, der Obersturmführer Herbert Rink, bekam den Auftrag, mit einer Kampfgruppe, die über 10 Schützenpanzerwagen verfügte, zu den Belagerten durchzustoßen, als sich abzeichnete, daß die Kräfte nicht zur kurzfristigen Entsetzung Aachens ausreichten. Für sie standen sogar noch extra Kraftstoffreserven und Munition bereit.

Wilck will nach seinem in der ZAGV (a.a.O., S. 113) wieder gegebenen Bericht dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B vorgeschlagen haben, die Front durch Aufgabe und Aussparung Aachens zu verkürzen. Der Vorschlag „wurde brüsk abgelehnt mit der Erklärung, daß nach Hitlers Befehl kein Fußbreit Boden freiwillig preisgegeben werden dürfe und hier die erste Großstadt des Deutschen Reiches aus besonderen Prestigegründen nach Hitlers Willen um jeden Preis in deutscher Hand bleiben solle. ... Zu einer heftigen Aussprache und dramatischen Auseinandersetzung über diese Frage kam es am 11. Oktober auf dem vorgeschobenen Divisionsgefechtsstand zwischen dem dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Model, und … Oberst Wilck. .. Die Tragik war.., daß seine (Wilcks) .... Abberufung .. erst eintraf, als sich der Ring um Aachen geschlossen hatte, und er … (deshalb notgedrungen) zum Kampfkommandanten von Aachen mit schriftlichem Hinweis auf das unbedingte Halten bis zum letzten Mann verpflichtet worden war.“

Die folgenden Bilder zeigen den Zerstörungsgrad Aachens oder es sind Zufallsaufnahmen aus diesen Kriegstagen in der Stadt, in der sich auch noch mehr oder weniger versteckt tausende Zivilisten befanden.

....

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......

Verzweifelte Zivilisten:

Die Zange schließt sich:

Während Graf von Schwerin noch an Schloß Rahe den Divisionsgefechtsstand einrichtete, nahm sein wenig später ebenfalls abgezogener Nachfolger Leyherr im Quellenhof Quartier.

Der Verlauf der Schlacht fand Niederschlag in der internationalen Presse. So leitartikelte „Stars & Stripes“, die 1. US Division (die sog. Big Red One) habe den Ring um Aachen geschlossen.

Leyherr wurde durch Parlamentäre ein – natürlich zurück gewiesenes – Ultimatum gestellt, was ebenfalls Gegenstand von Leitartikeln war.

Das „Townsville daily bulletin“ druckte am 12.10.1944 auf der Titelseite:

AMERICAN GUNS BOMBARD AACHEN, SURRENDER ULTIMATUM REJECTED

LONDON, October 11.— American First Army heavyguns, at noon to-day, commenced to bombard Aachen, after the Germans had rejected an ultimatum to surrender. The Americans had given Aachen 24 hours in which to surrender unconditionally otherwise the city would be completely destroyed, states Reuter’s representative with the American 1st Army. The text of the ultimatum, which was served on the mayor of the town, in addition to the commander of the German troops, was:

englischer Wortlaut des Ultimatums:

“Aachen is completely surrounded by Americans who are sufficiently equipped with both planes and artillery to destroy the city if necessary. We shall take the city, either by surrender or by attacking and destroying it. Unconditional surrender will require the surrender of all armed bodies, the cessation of all hostile acts, the removal of mines and prepared demolitions. It is not intended to molest the civil population and needlessly sacrifice human lives. But, if the city is not completely and promptly surrendered, the American ground forces and air forces will proceed ruthlessly to reduce it to submission. There is no middle course of choice, and the responsibility is yours. Your answer must be delivered within 24 hours.‘

Die Schlinge zieht sich zu – der Bunker Rütscherstraße als letzter Gefechtsstand des deutschen Kampfkommandanten

Der letzte Kampfkommandant Wilck hatte keinen Handlungsspielraum mehr. Die Funkverbindung zum Armeekorps funktionierte zwar noch, aber es wurde zunehmend unmöglich, den Kontakt zu allen nach Aachen befohlenen , aber auch zu den versprengten deutschen Einheiten zu halten. Bald war er wegen des kaum mehr einen Quadratkilometers messenden Raumes, den seine Männer noch hielten, mit seinem Gefechtsstand in den Bunker Rütscherstraße umgezogen. Wegen der knapp gewordenen Vorräte nicht nur an Munition, sondern an Lebensmitteln und an geschütztem Platz ließ er am 20. Oktober 1944 die 70 amerikanischen Kriegsgefangenen einfach frei. Freimütig offenbarte er ihnen die obsolete Lage. Munition für die wenigen schweren Waffen gab es z.B. nicht mehr.

(rechts im Bild Oberst Wilck)

Das war der Vorabend des letzten Kampftages. Welche Rolle das inzwischen auf 200 m Schußweite in Stellung gebrachte 155mm-Geschütz der Amerikaner spielte, wird unterschiedlich dargestellt. Die Geschosse dieses schweren Geschützes hätten die Mauern des Bunker brechen können. Dem deutschen Oberkommando wäre ein „Heldentod“ sicherlich lieber gewesen. Für die Amerikaner war die Kapitulation aber propagandistisch wertvoller.

Die Kapitulation, zu der sich der Kampfkommandant in diesem Bunker schließlich entscheiden mußte, war also für beide Seiten von nicht zu unterschätzender symbolischer oder propagandistischer Bedeutung. Obwohl die Eroberung der Stadt strategisch nutzlos war, war sie den Amerikanern immerhin das Opfer von 8.000 Gefallenen (nach Angaben von W. Trees, nach Angaben der ZEIT 2.000 im Häuserkampf gefallene amerikanische GI´s) wert.

Der genaue Ablauf der Kapitulation am 21. Oktober 1944 wird unterschiedlich dargestellt. Dabei darf man der Wahrnehmung eines der damaligen Kombattanden keine allzu große Bedeutung beimessen, wenn diese – eingebunden in einen erbitterten Häuserkampf – gar nicht in der Lage waren, gerade diese Vorgänge unmittelbar wahrzunehmen. Bedeutsamer ist da schon die Aussage eines Stabsoffiziers im Generalstab der 246. Volksgrenadier-Division, wonach Oberst Wilck diesen mit zwei gefangenen amerikanischen Offiziere als Boten für die Erklärung der Kapitulation eingesetzt hat.

zu unserem speziellen Beitrag über die Aussage dieses Stabsoffiziers

Als Ort der Unterzeichnung der Kapitulationserklärung ist wohl das Eckhaus Rolandstraße/Pippinstraße anzunehmen.

Text der Kapitulationserklärung:

„I, Colonel Gerhard Wilck, commander of the German Gerrison of Aachen, Germany, hereby surrender as of this hour, all troops, aims, material, and fortifications under mycommand to the United States Army, it beeing agreed that all said troops will treated as prisoners of war. Likewise the medical personnel, sick, and wounded turned for disposition in acordance with the provisions of the Geneva Convention of 1929. All these
troops have been disarmed,

1200 Hours, 21st day of October 1944,
at Aachen, Germany.

signed

Gerhard Wilck, Colonel“

Wilck durfte vor seinen angetretenen letzten Männern eine abschließende Ansprache halten, wobei sich die GI.s vorsichtshalber und nicht ohne Grund verbaten, daß er sich dabei mit dem sog. Deutschen Gruß verabschiedete.

Die Sieger aber hatten allen Grund sich stolz ablichten zu lassen (rechts: Lieutenant Colonel John Corley).

Die „New York Times“ zeigt auf der ganzen Titelseite eine lange Reihe gefangen abgeführter deutscher „Landser“. Den Text „Inside Germany – the Naziy gave up“ wird vom Aachener Journalisten und Verfasser mehrer Bücher über den WK II Wolfgang Trees einfach in dem Sinne verstanden, daß das Bild irgendwo in Deutschland aufgenommen worden sei. Nein, hier heißt die Botschaft: Wir stehen endlich innerhalb des Deutschen Reiches und d i e (zumindest ein paar hundert) Nazis haben aufgegeben.“

Nachfolgend bieten wir Ihnen hier als Download von 3 Beiträgen, die unser ehemaliger Vorsitzender und Archivdirektor Bernhard Poll in der ZAGV zum Ende des Krieges in Aachen verfaßt bzw. zusammengestellt hat:

Aachen im Herbst 44 Teil I.3,9MB

Aachen im Herbst 44 Teil II.11,9MB

Aachen im Herbst 44 Teil III.2,4MB

Die versehentlich nicht mitgescannten Seiten 6 und 7

Der Beitrag“Bernhard POLL, Das Aachener-Jülicher Land im Kriegsjahr 1944/45, in: ZAGV 63, 1950, S. 128-133“ liegt noch nicht als PDF-Dokument vor.

Für die Heimatblätter des Landkreises Aachen hat Poll noch einen zusammenfassenden Überblick des ersten Teil der Schlacht um Aachen verfaßt:

Die Kämpfe im Aachener Land im September 1944

Die Bilder wurden den o.g. Beiträgen von Poll, z.T. auch von Trees und Heckmann übernommen, die diese wiederum US-Medien entnommen haben.

Als Langzitat folgt noch die stark gekürzte Fassung eines Artikels der ZEIT vom Oktober 2004 über das Kriegsende von Aachen:

Sie (Aachen) war die erste deutsche Großstadt, die fiel: Heute vor 60 Jahren nahmen die Amerikaner Aachen ein – die letzten Tage des »Dritten Reiches« hatten begonnen

Im Jahre 2014 hat die Aachener Bürgerstiftung eine neue Seite zum Ende des II. Weltkrieges und zum demokratischen Neubeginn aufgebaut:

Befreiung Aachens 1944

Der Artikel „Aachen am Ende des Zweiten Weltkrieges: Auftakt zur Nachkriegszeit?“ von Prof. em. Dr. phil. Klaus Schwabe (RWTH Aachen) ist über die Seite der „Regionalgeschichte“ ins Internet gestellt:

Schwabe-Artikel

Die Darstellung der Schlacht von Aachen in englischer Sprache auf ABC-CLIO:

Terry Shoptaugh and Spencer C. Tucker, Aachen Battle of 13 September to 21 October 1944

Unter den „permant bookmarks“ des National Worldwar II Museum in New Orleans (NWWIIM) befindet sich der nachfolgende ausführliche Bericht der Schlacht um Aachen aus amerikanischer Sicht – natürlich in englischer Sprache:

Battle of Aachen

Ein Graffito hat die Historizität des Ortes auf dem scheinbar unzerstörbaren Stahlbeton des Weltkriegsreliktes verewigt.

Die Stadt hat aber auch selbst den locus historiae mit einer Bronzeplakette gewürdigt.

Der Bunker liegt heute in einem hochwertigen Wohngebiet und grenzt nach Westen an die Rütscherstraße

und zur anderen hin, der Bergseite, an die Försterstraße.

Die Lage zwischen beiden Straßen ist auch gut am Schnitt

und am Grundriß des Bunkers zu erkennen.

Die Treppen sind ein ästhetisch ansprechendes Detail aus der Entstehungszeit, die es so in wenigen Bunkern gegeben haben dürfte.

Diese drei Bilder wurden uns von Prof. Dr. Ing. Christoph Schulten von der Uni Dresden zur Verfügung gestellt.

Mitte 2015 ist der der historische Bunker fast vollständig beseitigt.

Wir haben übrigens immer unmißverständlich darauf hingewiesen, dass man sich im Falle des Bunkers Rüttscherstraße über das geltende Denkmalrecht hinweg gesetzt hat. Der Verein hatte wie auch die Bürgerinitiative dagegen keine Widerspruchs- oder Klagemöglichkeit. Die Eintragung in die Denkmälerliste wäre nach dem Denkmalbegriff in § 2 DSchG NRW sowohl wegen seiner geschichtlichen Bedeutung wie auch wegen seiner beispielhaften Gestaltung zwischen zwei Straßen mit erheblichem Höhenunterschied zwingend notwendig gewesen. Hier blieben aber die Obere und die Untere Denkmalbehörde aus den rechtlich gar nicht zulässigen Gründen der Opportunität untätig. Nachdem die Bezirksregierung einmal informell, d.h. ohne förmlichen Bescheid den Bunker preisgegeben hatte, wollte die Stadt Aachen nach dem Übergang der Zuständigkeit auf sich wider besserer Einsicht das lukrative Geschäft nicht mehr aufhalten.

„Schutzengel“ ist der Titel eines dokumentarischen Kurzfilmes von Antonio Moll aus Aachen.
Zur Internetfassung des Kurzfilmes