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Aachener Straßennamen in der NS-Zeit

Einschneidende politische Umwälzungen sind oft damit verbunden, dass Straßen- und Platznamen der vorausgegangenen Zeit, die ideologisch aufgeladen sind, geändert werden. Erstaunlicher Weise gilt dies nicht für die Namensgebung im Aachener Hohenzollern-Viertel, in dem Straßen bevorzugt nach erfolgreichen Schlachten des preußischen Militärs oder hohen Offizieren benannt wurden. In diesem Viertel besteht heute ein hoher Anteil an Migranten, die z.B. der Name Sedanstraße nicht an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 und die Holsteinstraße nicht an den deutsch-dänischen Krieg 1866 erinnert.

Nach der Machtergreifung ließen die Nazis die vielen Straßennamen, die von der stark katholisch geprägten Kultur zeugten, wie z.B. Dr. (Heinrich-) Hahnstraße oder (Franziska-) Schervierstraße bestehen. Sie legten aber Wert darauf, demonstrativ einigen sog. „Blutzeugen der Bewegung“ sowie populären und hohen Militärs der preußischen Zeit einen Straßennamen zu widmen. Erstaunlicher Weise wurden in den meisten der umliegenden Gemeinden die jeweiligen Hauptstraßen nach Hitler umbenannt, in Aachen selbst jedoch keine Straße.

Da Ortsangaben der NS-Zeit ohne eine gegenüberstellende Konkordanz der NS-Straßennamen und der heutigen Straßenname nicht verständlich sind, geben wir hier eine Übersicht:

Emmichstraße – Lütticherstraße

General von Emmich (* 4. August 1848 in Minden; † 22. Dezember 1915 in Hannover) Zu Beginn des Ersten Weltkriegs führte Emmichs Armeekorps im August 1914 den ersten größeren Feldzug durch. Er wurde als Eroberer von Lüttich geehrt. Eigentlich sollte er den Hauptkräften des deutschen Heeres das Tor zu Frankreich aufstoßen und die schnelle Eroberung von Paris ermöglichen. Die Fehleinschätzung des belgischen Widerstandes und die mühsame Eroberung der Forts des Festungsgürtels mit Hilfe schwerer Eisenbahngeschütze führte zu Verzögerungen, die auch zum Stillstand des Vorstoßes an der Somme führte.

Geurtenstraße – Unterer Abschnitt der Kurbrunnenstraße

Der Aachener SA-Mann Geurten wurde am 20.11. 1931 nach einer provozierten Saalschlacht im Burtscheider Kurhaus zwischen NSDAP und KPD, die sich auf der Straße fortsetzte, erschlagen.

Helfferichstraße  – Erzbergerallee

Helfferich (* 17. Januar 1878 in Neustadt a. d. Haardt; † 22. Mai 1972 in Neustadt a. d. Haardt) war 1927 bis 1972 in Hamburg als Vorsitzender des Aufsichtsrats der HAPAG tätig. Das Treffen von Wirtschaftskreisen mit Hitler in Hamburg am 30.4.1932 galt als Geburtsstunde des späteren „Freundeskreises der SS“. Trotz seiner bedeutenden Stellung in der Hamburger und der überseeischen Außenwirtschaft wurde ihm keine Führungsposition in der NSDAP eingeräumt.

Hermann Göring Straße – Drimbornallee

Göring (* 12. Januar 1893 in Rosenheim; † 15. Oktober 1946 in Nürnberg) war im I. Weltkrieg hochdekorierter und populärer Kampfflieger für die preußischen Luftwaffe. 1922 trat er in die NSDAP ein und wurde Führer der SA. Göring gehörte zum engsten Führungszirkel der NSDAP. Am 11. April 1933 wurde er Ministerpräsident Preußens. Aus dieser Stellung heraus war er maßgeblich an der umfassenden Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft. Die Verfolgung der Opposition ließ er mit äußerster Brutalität betreiben. Er richtete die Gestapo sowie die ersten Konzentrationslager ein. Ab Mai 1935 war er Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe. 1940 verlieh ihm Hitler den neuen Rang eines Reichsmarschalles des Großdeutschen Reiches. Göring wurde nach dem Krieg zum Tod durch Erhängen verurteilt, vergiftete sich jedoch vor der Urteilsvollstreckung. Göring war ein Förderer der Internationalen Reitturniere in der Soers und erhielt am 27.7. 1933 nach triumphalen Empfang die Ehrenbürgerschaft der Stadt Aachen.

Hindenburgstraße – Theaterstraße

Hindenburg (* 2. Oktober 1847 in Posen; † 2. August 1934 auf Gut Neudeck, Ostpreußen) war von 1916 bis 1918 Chef der Oberste Heeresleitung, die über die militärische Führung hinaus Regierungsgewalt ausübte. Hindenburg wurde 1932 als Reichspräsident wiedergewählt. Am 30. Januar 1933 ernannte er Adolf Hitler zum Reichskanzler. Sein Besuch in Aachen nach Aufhebung der Besatzung durch belgische Truppen wurde als Tag der Freiheit gefeiert. Hindenburg erhielt schon am 10.10. 1930 die Ehrenbürgerschaft.

Horst-Wessel-Straße – Kalverbenden

Horst-Wessel (* 9. Oktober 1907 in Bielefeld; † 23. Februar 1930 in Berlin) war im I. Weltkrieg Soldat und später Mitglied von Freikorps. Er schloß sich schon früh der SA an. Bei Straßenkämpfen mit der KPD erlitt er tödliche Verletzungen.

Litzmannstraße – Sanatoriumstraße

Litzmann (* 22. Januar 1850 in Neuglobsow; † 28. Mai 1936 in Neuglobsow) lehnte die Weimarer Republik ab. Die Niederlage 1918 und die Bedingungen des Versailler Vertrages empfand er traumatisch. Politisch stand den deutsch-nationalen Rechten nahe. Er trat 1929 der NSDAP bei. Sein großes Ansehen als General des Weltkriegs machte er für die Partei nutzbar. Litzmann eröffnete nach der Reichstagswahl im November 1932 als Alterspräsident des Reichstages die Sitzungsperiode. Auch das städtische Realgymnasium wurde nach Litzmann benannt.

Ludendorffstraße – Clemensstraße

Ludendorff (* 9. April 1865 in Kruszewnia Prov. Posen; † 20. Dezember 1937 in München) war in der Obersten Heeresleitung Stellvertreter Hindenburgs. Obwohl Ludendorff die Aussichtslosigkeit der Fortsetzung des I. Weltkrieges genau kannte, gehört er zu den Verleumdern der politischen Führung der jungen Weimarer Republik mit der sog. Dolchstoßlegende. In den 20er Jahren betätigte er sich in der völkischen Bewegung, nahm 1920 am Kapp-Putsch und 1923 am Hitlerputsch teil

Potsdamplatz – Republikplatz

Der Name sollte wohl an den „Tag von Potsdam“ erinnern, an dem sich Hindenburg und Hitler nach dessen Ernennung zum Reichskanzler mit symbolischen Gepränge trafen.

Raerenerstraße – Stresemannstraße (heute: Robert-Schumann-Straße)

Stresemann (* 10. Mai 1878 in Berlin; † 3. Oktober 1929 in Berlin) war Wirtschaftsvertreter und in der Weimarer Republik 1923 Reichskanzler und danach in mehreren Regierungskoalitionen Außenminister. Die Verständigung mit den Siegermächten brachte langsam die Anerkennung des Deutschen Reiches als gleichberechtigten Partner in völkerrechtlichen Fragen. So wollte Stresemann die Chance zu bekommen, den Versailler Vertrag zu revidieren. Wegen der von ihm betriebenen Wiederannäherung an Frankreich erhielt er 1926 zusammen mit Aristide Briand den Friedensnobelpreis. Die Straße erhielt ihren alten auf die Verkehrsverbindung nach Raeren abgestellten Namen zurück. Nach Westen und Süden wurde die Raerenerstraße ab Siegel verkehrstechnisch durch die nach dem II. Weltkrieg gebaute Monschauer Straße ersetzt. Heute ist sie südlich von Lichtenbusch direkt die an der Grenze zu Belgien vorbeilaufende Straße.

Richthofenallee – Karl Marx Allee

Richthofen (* 2. Mai 1892 in Breslau; † 21. April1918 bei Vaux-sur-Somme, Dép. Somme) erzielte als Jagdflieger die höchste Anzahl von Luftsiegen, die im I. Weltkrieg von einem einzelnen Piloten erreicht wurde. Nach kurzer Zugehörigkeit zu anderen Waffengattungen ließ sich Richthofen 1915 zur erst im Aufbau befindlichen Fliegertruppe versetzen. Während eines Luftkampfes mit Piloten der RAF 1918 geriet er auch vom Boden aus unter Beschuß und erlag nach der Landung an seinen schweren Verletzungen.

Schlagerterallee – Erzberger Allee

Schlageter (* 12. August 1894 in Schönau im Schwarzwald; † 26. Mai 1923 auf der Golzheimer Heide) war im I. Weltkrieg Soldat und später Mitglied von verschiedenen Freikorps. Während der französisch-belgischen Ruhrbesetzung war er im Untergrund aktiv. Wegen mehrerer ihm vorgeworfenen Sprengstoffanschläge wurde er von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf hingerichtet.

Weddingallee – Rathenauallee

Der Straßenname sollte wollte an das offensive Vorgehen der SA im „roten Arbeiterviertel Berlins“ mit blutigen Straßenschlachten erinnern.