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Aktuelles


21. Oktober 1944 - 75 Jahre Kriegsende in Aachen

Zum 75jährigen Kriegsende in Aachen bietet die Stadt Aachen im Centre Charlemagne, im Couvenmuseum und im Internationalen Zeitungsmuseum drei aufeinander abgestimmte Ausstellungen an.

Die Ausstellung im stadtgeschichtlichen Museum Centre Charlemagne am Katschhof unter dem Titel „Alles auf Anfang? In Aachen beginnt die Nachkriegszeit“ wird vom 9.11. 2019 bis zum 8.3.2020 gezeigt.

Die Ausstellung im Couvenmuseum am Hühnermarkt unter dem Titel „Wir Nachkriegskinder – Alltag zwischen Not und Nierentisch“ wird vom 26.10. 2019 bis zum 29.3.2020 gezeigt.

Die Ausstellung im Internationalen Zeitungsmuseum in der Pontstraße unter dem Titel „Der Krieg ist aus! Die Entstehung der Aachener Nachrichten und der Wiederaufbau“ wird vom 16.11. 2019 bis zum 1.3.2020 gezeigt.

Aachen war die erste deutsche Großstadt, die von alliierten Truppen erobert und besetzt wurde. War die Einwohnerzahl der Stadt schon im Verlauf der Kriegsjahre von 160.000 auf ca. 30.000 geschrumpft, entzogen sich nur etwa 6.000 Bürger dem in allerletzter Minute ergangenen Evakuierungsbefehl. Für sie dürfte das endliche Aus der Kampfhandlungen auch ein Ende der aufgezwungenen Kriegsdisziplin und der permanenten Propaganda von Endsieg, Opferwillen und fanatischer Kampfbereitschaft vor allem, nachdem der Feind deutschen Boden betreten habe, Erleichterung und Befreiung bedeutet haben.

Der Weg in Diktatur und Krieg

Das gehorsame Befolgen der Führerbefehle seitens des deutschen Volkes, obwohl verständige Menschen das bewußte Anzetteln eines Zweiten Weltkrieges durch die Nationalsozialisten vorher sehen konnten, wird nur verständlich vor den als Demütigung und Schmach empfundenen Bedingungen des Versailler Vertrages und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten für die junge Weimarer Republik. An diese Vorgeschichte knüpft die Ausstellung mit dem Abzug der belgischen Besatzungstruppen 1929 an. Die Beflügelung nationaler Stimmungen beförderte reichsweit, aber auch in Aachen den Nationalsozialismus. Die Koalition der nationalen Einheit unter Führung Hitlers gewann bei den bürgerlichen Parteien und auch bei den katholischen Bischöfen Akzeptanz. Das ermöglichte die „Machtergreifung“ und ließ jeglichen Widerstand gegen die völlige Gleichschaltung scheitern. Ein Zurück zu demokratischen Verhältnissen wurde zunehmend obsolet.

Schon im April 1933 gab es auch in Aachen die ersten Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte. Der Diffamierung folgte auch hier die Entrechtung, Enteignung, Verfolgung der Juden und schließlich ihre Vertreibung und Vernichtung in den Konzentrationslagern.

Die ersten Kriegsvorbereitungen zeigten sich bereits mit der Stationierung deutscher Truppen im eigentlich entmilitarisierten Rheinland 1936, als Aachen wieder Garnisonsstadt wurde, und schließlich mit dem Bau des „Westwalls“ in unmittelbarer Nähe der Stadt. Nach dem 1. September 1939 blieb Aachen vom Kriegsgeschehen zunächst weitgehend unberührt. Erst im Mai 1940, als die Stadt eine zentrale Rolle für den Einmarsch in Belgien und den Niederlanden spielte, wurde der Krieg auch hier spürbar. Nahezu zeitgleich begannen die Luftangriffe, die während der folgenden Jahre immer mehr den Alltag der Aachener prägten und die Bevölkerung zu einem Leben in Kellern und Bunkern zwangen.

Der Krieg kommt zurück ins Reich

Neben den zur Verteidigung befohlenen Divisionen erlebten auch diejenigen Aachener, die sich dem Evakuierungsbefehl widersetzt hatten, die sechs Wochen währende „Schlacht um Aachen“. Ende September verstärkte die US-Army den Druck auf Aachen, dessen Raum eine tiefe Delle in der ins Reich vorgerückten Front darstellte. Langsam wurde am östliche Rand des Aachener Talkessels von Norden und Süden her der Belagerungsring geschlossen, von wo aus die Amerikaner in einem mühsamen und verlustreichen Häuserkampf ins Stadtzentrum vorrückten. Der „Stadt Karls des Großen“ war befohlen worden, sich bis zum letzten Mann zu verteidigen. Erst als die Amerikaner mit schweren Waffen bis in die Reichweite des Gefechtsstandes des letzten Kampfkommandanten im Bunker an der Rütscher Straße vorgerückt waren, entschloss sich Oberst Wilck am 21. Oktober die militärisch aussichtslose Verteidigung der Stadt aufzugeben.

finie la guerre! (Der Krieg ist aus!)

Damit begann eine 199 Tage andauernde Phase der Gleichzeitigkeit, während der in Aachen bereits mit Entschuttung und Wiederaufbau begonnen wurde und der Krieg im Rest Deutschlands noch weiterging. An der Westfront gelang der Wehrmacht mit der Ardennenoffensive ein letzter Einbruch in die alliierten Linien, die Schlacht im Hürtgenwald wurde eine der verlustreichsten des ganzen Krieges, und an der Ostfront näherten sich die sowjetischen Truppen Berlin. In dieser Zeit wird Aachen zum „Demokratielabor“, in dem die Amerikaner ihre Besatzungspolitik erprobten und die erste Stadtverwaltung unter Franz Oppenhoff aufbauten, der im März 1945 von einem sogenannten „Werwolfkommando“ der SS auf Befehl Heinrich Himmlers ermordet wurde. Im Januar 1945 wurden die Aachener Nachrichten gegründet und im März 1945 mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund die erste Nachkriegsgewerkschaft. Die Phase der Gleichzeitigkeit endete mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Der Zweite Weltkrieg in Europa war vorbei. Die Nachkriegszeit, die in Aachen ihren Anfang genommen hatte, begann nun auch im übrigen Deutschland.

Während der Wiederaufbau vorangetrieben wurde, entwickelte sich in Aachen aus der Erfahrung des Kriegs im Dreiländereck zu einer Stadt, die sich selbst als europäisch versteht und die Überwindung der nationalen Grenzen vorlebt. Der 1950 zum ersten Mal verliehene Karlspreis zeigt das neue Selbstverständnis.

Die Ausstellung im Centre Charlemagne

Die Ausstellung zeichnet die Geschichte Aachens vom Abzug der belgischen Besatzungstruppen bis zum ersten Karlspreis nach. Ca. 200 Exponate, darunter eine Trümmerbahn, machen die Ereignisse greifbar. Besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf das persönliche Erleben der Kriegs- und Nachkriegsjahre. An vielen Stellen finden sich deshalb sehr persönliche Objekte wie Briefe und Tagebücher. Ein weiteres wichtiges Element sind Zeitzeugeninterviews, in denen ein lebendiges Bild der Ereignisse gezeichnet wird. Gestalterisch ist die Präsentation vieler Sachzeugnisse der Geschichte auf engem Raum hervorragend gelungen. Der weiße Hintergrund mit Rissen und Aufbrüchen, in die die Exponate und Grafiken eingefügt sind, hebt diese besonders hervor. Aus der Vielzahl überlieferter Bilddokumente haben die Ausstellungsmacher sowohl allseits bekannte Ikonen wie auch ganz neue, bislang unveröffentlichte Fotos ausgewählt.

War das Kriegsende für Aachen – stellvertretend für andere Großstädte in Deutschland – ein Neuanfang? Der Blick auf die Erinnerungskultur zeigt, wie stark personelle Kontinuitäten waren und wie versucht wurde, eine Erzählung der Ereignisse zu schaffen, die nicht die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen aufwarf. Zugleich zeigt die schleppende und oft unzureichende Aufarbeitung der NS-Diktatur, wie wenig Interesse an einem echten Neuanfang bestand.

Dieser Online-Beitrag beruht weitgehend auf einem Text der Kuratoren Anke Asfur und Lars Neugebauer.

Der Ausstellungskatalog

unter dem Titel „Der Krieg ist aus – Politik, Alltag und Medien in Aachen“ (17 × 23,5 cm) mit zahlreichen überwiegend schwarz-weißen Dokumentaraufnahmen umfaßt 316 Seiten und wurde von 21 Autoren erstellt. Er ist im Museumsshop für 24.90 € erhältlich.

sehen Sie sich auch unseren online-Beitrag von 2014 an